Der Steirer Bernhard Eisel vom Team Sky Procycling sprach am letzten Tag des Giros in Mailand mit Angelika Kaufmann Pauger für radstars.at über die Strapazen der drei harten Rennwochen, die Tour de France und die Olympischen Spiele.
radstars.at: Wie lautet dein Giro-Resumee nach 3500 Rennkilometern, zigtausenden Höhenmetern bzw. 96 Stunden auf dem Rad?
Bernie Eisel: Ich bin wirklich froh, dass es vorbei ist. Ungeplanterweise sind wir bis nach Mailand gekommen. Eigentlich wollten wir vorher aussteigen und nur bis zur letzten Flachetappe am Donnerstag fahren. Wir haben aus Respekt vor dem Roten Trikot versucht, es zu verteidigen. Am Ende hat es um einen Punkt nicht geklappt. Aber wir hatten das Weiße Trikot durch Uran und Etappensiege durch Cavendish. Er ist gut über die Berge gekommen, hatte nie Probleme mit der Karenzzeit.
radstars.at: Kann man das finale Zeitfahren noch genießen?
Bernie Eisel: Nein, das genießt keiner mehr, nicht einmal der Sieger. Bis er von der Siegerehrung und der Kontrolle zurück kommt, sitzen schon fünf Teamkollegen im Flugzeug Richtung Heimat. Er kann sich bei ihnen nicht einmal richtig bedanken.
radstars.at: Wie oft bist du den Giro schon gefahren?
Bernie Eisel: Das war mein zweiter Giro nach 2003, damals war es meine erste große Landesrundfahrt. Heuer war es allerdings härter. 2003 waren die Etappen besser vergeben. Allerdings waren die Transfers und Hotels dieses Mal echt ok.
radstars.at: Was sagst du zur diesjährigen Streckenführung?
Bernie Eisel: Ich denke, der Giro hat sich mit den zwei schweren Etappen am Ende selbst neutralisiert. Man könnte das Rennen mit etwas leichteren Etappen spannender machen, zum Beispiel wenn die Jungs auch schon in der ersten Woche auf das Gesamtklassement fahren. Aber heuer hat jeder nur auf die beiden Monsteretappen gewartet und sich bis dahin geschont. Dann fahren sie drei Wochen spazieren, damit man zwei Tage lang schnell fahren kann.
radstars.at: Wie hast du die letzten beiden Etappen über 11.000 Höhenmeter empfunden?
Bernie Eisel: Der Mortirolo hat das Rennen nicht verändert. Der Berg kam durch eine Zuschauerwahl ins Programm. Das ist aber kein Berg, sondern ein Weg. Den braucht nun wirklich keiner. Wenn ich sehe, dass die besten Fahrer vorne acht km/h fahren und für den einen Berg eine Kompaktkurbel montieren müssen, dann frage ich mich wirklich, was das mit Radsport zu tun hat. Aber die Zuschauer wollen immer mehr und mehr.
radstars.at: Viele Fans sind selbst einen der Berge hochgefahren und bekamen eine Ahnung davon, was ihr durchmacht.
Bernie Eisel: Wenn ein Fan zu mir sagt, er radelt den Mortirolo oder das Stilfserjoch hoch und er kann sich vorstellen, wie wir leiden, dann muss ich sagen – das weiß keiner. Das kann sich keiner vorstellen. Jeden Tag aufstehen, wieder dasselbe, sich wieder motivieren. Wenn ich ein Mal den Stelvio hinauffahre, weiß ich, dass es schwer ist. Nur haben wir schon 3000 Kilometer von vorher in den Beinen. Da muss mir keiner erzählen, er weiß wie das ist. Wir sind zwei Mal den Ötztaler gefahren. Am Freitag habe ich erst um zehn Uhr zu Abend gegessen. Einen Tag bist du sieben Stunden unterwegs und am nächsten dann siebeneinhalb. Das ist eh schon schnell für die Höhenmeter. Dann schaust du dir die Siegerzeit an und siehst, dass der Sieger 31,4 km/h Schnitt gefahren ist. Der normale Schnitt von einem Radrennen ist 40 km/h. Da weißt du, dass das noch eine Stufe drüber ist und dass keiner mehr wirklich kann.
radstars.at: Wenn die Beine nicht mehr wollen, wird es zur Kopfsache?
Bernie Eisel: Der mentale Stress kommt dazu, weil man ja muss. Wir konnten nicht warten bis zum Mortirolo. Wir fuhren Anschlag von Kilometer null bis ins Ziel. Da fragt man sich, wo wollen die Veranstalter hin. Das beste Beispiel ist die letzte Etappe bei der Tour im Vorjahr mit Ziel in Alpe d’Huez. Das war die spektakulärste Etappe glaube ich, die im Radsport jemals gezeigt wurde. So viele Attacken, bei denen sich die Top-Leute wirklich auseinandernehmen und sich nicht anschauen und warten und warten. De Gendt hat am Samstag eine schöne Nummer gezeigt und sich gesagt, er fährt jetzt einfach los. Natürlich auch Kreuziger oder Chavez. Aber manche Sachen muss man sich neu überlegen.
radstars.at: Hier vertrittst du die Wünsche der Fahrer in der Athletenkommission?
Bernie Eisel: Mitspracherecht haben alle. Von jeder Mannschaft und Nation ist jemand dabei, auch aus den GS II Teams. Für den Straßenradsport sind Philippe Gilbert, Cadel Evans, Dario Cioni zuständig, der Präsident ist Florian Rousseau. Aus dem Frauenradsport kommen noch Judith Arndt und Marianne Voss dazu. Auch alle anderen Sparten aus dem Radsport sind vertreten. Wir treffen uns ein Mal im Jahr, es gibt aber Rennreports, die wir regelmäßig schreiben. Das werde ich auch nach dem Giro tun.
radstars.at: Was war das Härteste für dich in den drei Giro-Wochen?
Bernie Eisel: Die sechste Etappe, die Chavez gewonnen hat, das war in der Nähe von Rimini. Da haben wir es um 40 Sekunden noch in die Karenzzeit geschafft. Es war eigentlich eine Mittelgebirgsetappe, die hatte aber 3.500 Höhenmeter – ohne wirklichen Berg. Da ist kein Meter flach und du fährst dauernd Anschlag und das bei der Hitze.
radstars.at: Was war für dich das persönliche Giro-Highlight?
Bernie Eisel: Herning war ein schöner Start mit den dänischen Fans. Ansonsten überhaupt die Umgebung. Es ist wie das Motto lautet: Das härteste Radrennen im schönsten Land der Welt. Italien ist ein wirklich schönes Land. Ob es das härteste Rennen ist, das lasse ich dahin gestellt. Aber die Tifosi haben für eine spektakuläre Kulisse gesorgt.

Bernie Eisel (vorne links) führt das Gruppetto auf der drittletzten Giro-Etappe auf die Alpe di Pampeago an – immer in den Diensten von Sprint-Ass und Weltmeister Mark Cavendish (hier noch im Roten Trikot). - Photo by akp
radstars.at: Was ist der größte Unterschied zur Tour?
Bernie Eisel: Bei der Tour ist der Druck vom ersten Tag an größer. Der Giro ist vom Parcours her schwerer, weil die Berge steiler sind. Bei der Tour ist es so, dass die Fahrer das Rennen schneller machen. Dort ist alles noch eine Nummer größer und im Juli haben auch viel mehr Leute frei als jetzt im Mai.
radstars.at: Welches Rennen fährst du lieber?
Bernie Eisel: Für mich ist die Tour die Tour, sie steht über allem. Die Entscheidung über meine diesjährige Teilnahme fällt erst nach der Tour de Suisse. Ich wäre bereit. Ich fahre vielleicht noch Ster Electro. Aber mit den Klassikern und dem Giro habe ich genug Rennkilometer in den Beinen. Jetzt brauche ich eine Pause. Bis im Juli komme ich sicher wieder in Form, ich denke nicht, dass es ein Problem wäre, den Giro und die Tour zu bewältigen.
radstars.at: Laut Verbandsmeldung bekommst du einen der zwei Startplätze bei den Olympischen Spielen in London?
Bernie Eisel: Mein Plan ist es, bei Olympia zu fahren. Wenn ich die Tour fahre und zu müde bin, verzichte ich aber auf das Ticket. Das würde ich in der zweiten Rennwoche entscheiden. Der Olympia-Kurs führt über neun schwere Runden mit einigen Höhenmetern, ähnlich einem Klassiker. Da ist sich jeder selbst der nächste. Es gibt das Gerücht, dass noch jemand vom Giro dabei sein soll. Alle Österreicher, sowohl Daniel Schorn, Matthias Brändle, aber auch Thomas Rohregger und Stefan Denifl sind hier super gefahren. Theoretisch könnten alle dabei sein. Die endgültige Entscheidung trifft der Verband.







